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Jellicle cats are black and white…

…Jellicle cats are rather small, reserving their terpsichorean powers for the Jellicle Moon and the Jellicle Ball.

Wer anderes könnte im Lied der Jellicles besungen sein denn die schneeweiße Victoria? Dem Wesen, ihrem Äußeren nach ist sie neben dem magischen Mistoffelees der Inbegriff einer Jellicle-Katze und doch weiß man beinahe gar nichts über sie. Immerhin gibt sie sich im kompletten Musical hinweg äußerst zurückhaltend und teilt auch ihre Geschichte nicht mit uns. Trotzdem ist das junge Fräulein neben den extrovertierten Desperados Tugger und Mistoffelees einer der beliebtesten Cats-Charaktere.

Ja warum eigentlich?

Möglicherweise liegt es an Victorias metaphorischem Charakter, einer schneeweißen, jungen Katze inmitten des Unrats einer Müllhalde, mit begnadeter Tanzbegabung, dem leisen Wesen und Namen einer großen Monarchin mit einer strahlenden Aura, die selbst den Jellicle-Mond erblassen lässt.
Möglicherweise liegt es am mystischen Charakter der Victoria, denn dieser findet keinerlei Erwähnung in Eliots "Old Possum's Book of Practical Cats", sprich: er wurde bewusst für das Musical erschaffen. Abseits der im Gedichtband festgehaltenen Charaktere darf man in ihrem Fall eine Intension unterstellen. Das öffnet natürlich Tür und Tor für Spekulationen.

Zunächst kann man die weiße Fellfärbung Victorias als offensichtliches Sinnbild körperlicher und geistiger Reinheit verstehen. Mit dieser Einschätzung liegt man selbst als Interpretationsunbegabter ziemlich gut, da uns Victoria noch im Musical selbst den Hinweis auf ihre Unerfahrenheit gibt, nur um sich im gleichen Moment den neuen Gelüsten zu ergeben. Auch ist es die weiße Katze, die frei von Argwohn und getrübtem Blick der Vergangenheit die Glamour-Katze im Kreis der Jellicles willkommen heißt.

Ich möchte frech bezweifeln, dass man einen so durchdringenden Charakter ins Musical aufnimmt, nur um die plumpe, wenngleich ansehnliche, Metapher auf die Unschuld in Form der Weißfelligen zu besingen und die Katze wenig später an die euphorische Stimmung des Jellicle-Balls zu verfüttern. Wenn es allein um das zügellose Treiben des Balls ginge, hätte man das unzüchtige Exempel auch an der jungen Jemima statuieren können.

Vielleicht ist der Charakter der Victoria eine Ehrerbietung an T. S. Eliot, ohne dessen Gedichtband das Cats-Musical nie entstanden wäre. Laut Artikeln der Wikipedia war Eliot ein Bewunderer der Queen Victoria und so ist es denkbar, dass unsere Victoria die junge, gleichsam unerfahrene Monarchin zu Beginn ihrer Regentschaft verkörpert, die mit Hilfe der Älteren Jellicles in das Amt einer „Queen“ (engl.: weibliche Katze / Königin) eingeführt wird und nach und nach ihre Bestimmung begreift. Wahrscheinlich ist die Auslegung zu weit hergeholt, der Bezug zur britischen Monarchin soll durch Queen Victoria aber sicher hergestellt werden. Wie weitreichend der Bezug ist, muss jeder für sich selbst erkennen.

Wenn wir noch ein wenig tiefer in die Kiste der Sinnbilder greifen möchten, so ist Victoria vielleicht die Verkörperung des Jellicle-Balls. Die schweigsame, jedoch stets präsente Victoria führt uns durch das gesamte Stück, lässt uns an ihrer Entwicklung von einem unerfahrenen, schüchternen Kitten hin zur liebestollen Jungkatze teilhaben und zeichnet so den Charakter des wichtigen Jahrestags mit all seiner spirituellen Bedeutung nach. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das der Interpretation zu viel, aber wer weiß das schon genau?

Wenn wir dem Charakter der Victoria neben dem „großen“ Namen nichts Metaphorisches zugestehen möchten, dann lässt sich ihre Beliebtheit nüchtern betrachtet auch gänzlich auf ihre Erscheinung und dem im Musical zu erkennenden Wesen zurückführen. Was ist charmanter als eine fesselnde, junge Katze, die sich ihrer Schönheit und Anmut während des Jellicle-Balls bewusst wird und trotzdem leise, beinahe schüchtern auftritt? Welch Männchen könnte sich der Anziehung ihrer körperlichen Unerfahrenheit freisprechen und dachte in schwacher Momenten gedanklicher Untiefe nicht daran, was ihre Tanzbegabung und Flexibilität auch in anderen Gelegenheiten des Lebens verheißen würde? Ob niedere Gelüste oder Wesenssympathie, eines Jellicle-Monds bedarf es nicht, denn Victorias Aura allein schon überstrahlt alles Umgebende.

Wozu braucht es da noch Worte?
Wozu braucht es eine Begründung für einen Charakter, wenn schon der Charakter selbst Grund genug ist?

Vor
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